Luftbuchungen zu Lasten der Inklusion

Luftbuchungen zu Lasten der Inklusion

In der heutigen Sitzung des Hauptausschusse wurde – wieder einmal – über den Bericht der Senatsverwaltung zum Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark diskutiert. Und der hat es in sich!

Peinlich genug, dass SenSBW innerhalb exakt eines Monats zwei Berichte verfasst hat, weil kosten- wie terminseitig unerfreulicher Korrekturbedarf bestand.

Dass der I. Bauabschnitt – im Wesentlichen der Rückbau des alten Stadions – um vorerst weitere 2 Mio. € teurer wird und mit jetzt prognostizierten 22,4 Mio. € genau 60 % über der ursprünglich veranschlagten Summe liegt, erscheint schon fast wie eine Randnotiz. Gleichwohl sind auch 2 Mio. € eine Menge Geld, das an tausend anderen Stellen im Land Berlin gewinnbringend eingesetzt werden könnte.

Der eigentliche Skandal liegt aber im III. Bauabschnitt, der Ertüchtigung des Sportparks. Das ist also genau der Teil des Projekt, der am stärksten dem Inklusions- und Breitensport dienen könnte. Weil das fragwürdige Profistadion, das auf Basis der geprüften Entwurfsunterlagen auf 207,5 Mio. € geschätzt wird, und der I. Bauabschnitt zusammen bereits knapp 230 Mio. € ausmachen und die Abgeordneten eine Maximalsumme von allerhöchstens 300 Mio. € beschlossen haben, schlägt der Senat Einsparungen beim III. Bauabschnitt vor. Damit wird endgültig deutlich, dass es bei diesem Projekt um chices neues Stadion als Funktionärsleuchtturm geht und mitnichten vorrangig um Inklusionssport.

Anstelle der zuletzt geplanten 119 Mio. € sollen die Kosten des III. Bauabschnitts um schlappe 51 Mio. € auf 68 Mio. € sinken. Wie das gehen soll? Gute Frage.

Schlecht ist allerdings die Antwort, die die Senatsverwaltung darauf gibt. Sie schlägt drei Einsparungen vor:

  1. Den Verzicht auf das Bürogebäude, irreführend als „Begegnungszentrum“ bezeichnet. Diesen Verzicht hat sie im August auf 17 Mio. € beziffert. Bleiben also noch 34 Mio. €.
  2. Verzicht auf die Tennishalle. Diese wurde aber stillschweigend bereits 2024 gestrichen. Das ist gut erkennbar im Bebauungsplan, wo sie nicht auftaucht. Also war sie schon längst nicht mehr Teil der 119 Mio. €, die vor einem Jahr ans Abgeordnetenhaus berichtet wurden. Also: Eine komplette Luftnummer!
  3. Die Reduzierung der Sitzplatzzahl in der Multifunktionshalle von 2.500 auf 1.500 Plätze. Man muss kein Bauexperte sein, um zu erkennen, dass 1.000 Sitzplätze keine 34 Mio. € kosten.

Das Projekt steht somit an einem Scheideweg. Sofern keine Einsparungen am überdimensionierten und möglicherweise insgesamt völlig verzichtbaren Stadion vorgenommen werden, sind Einsparungen in der erforderlichen Größenordnung wohl nur durch Verzicht auf die gleichfalls fragwürdige Multifunktionshalle möglich.

Profisport oder Inklusion? Jetzt heißt es Farbe bekennen!

Foto: Abgeordnetenhaus Berlin / Wikipedia CC BY-SA 4.0

Zwei Lichter erlöschen für immer (aber wir kämpfen weiter)

Zwei Lichter erlöschen für immer (aber wir kämpfen weiter)

In Erinnerung an die Flutlichtmasten des Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadions

Errichtet 1986/87 im Zuge der großen Stadionerweiterung zur 750 Jahr Feier Berlins, prägten sie mit fast 50 Metern Höhe und gleißendem Licht die Silhouette über dem Prenzlauer Berg.

Die ikonischen, fächerförmig geneigten Lichtmasten haben in ihrem kurzen Leben viel erlebt. Sie sahen, wie Michael Jackson am 4. September 1992 vor Zehntausenden die Nacht erhellte – ein Konzert, das Berlin in Atem hielt. Sie erlebten DDR Länderspiele vor 30.000 Menschen, Europapokalabende des BFC Dynamo, American Football Spiele und den historischen Moment, als der Jahn Sportpark 2015 das Finale der UEFA Women’s Champions League empfing.

Unter ihrem Licht wuchsen Generationen von Sportlerinnen und Sportlern auf: Schulkinder, Leichtathletinnen und Leichtathleten, Fußballerinnen und Fußballer.

Doch ihr Licht strahlte weit über das Spielfeld hinaus. Im ganzen Kiez war der Schein zu sehen – an manchen Abenden wie eine große Nachtlampe am Horizont, etwas Vertrautes, Behagliches. Auch tagsüber waren die Masten ein Orientierungspunkt: weit über die Grenzen des Prenzlauer Bergs hinweg sichtbar, ein Zeichen dafür, wo es langgeht – und wo Zuhause ist.

Am 12. Februar 2026 erklangen zwei Warntöne. Vögel flogen auf, Füchse rannten um ihr Leben. Dann fielen die Riesen: ein kurzer Knall, ein metallisches Kreischen – und schließlich stürzten sie mit jeweils 39 Tonnen Stahl auf das Spielfeld, das sie ein Leben lang beleuchtet hatten.
Zwei ihrer Geschwister, die westlichen Masten Richtung Mauerpark, stehen noch. Doch das Ensemble ist zerstört, der Blick über den Sportpark und aus vielen Straßen ist ein anderer geworden – die klaffende Lücke ist unübersehbar.

Diese Sprengung, von der Senatsverwaltung als „Rückbau“ bezeichnet, ist kein bloßer Verwaltungsakt. Wer so zerstört, zerstört nicht nur Stahl – er sprengt auch Erinnerung. Senator Gaebler (SPD) räumt mit einem Knall Symbole der DDR aus dem Horizont, weil sie nicht in sein Bild von Berlin passen: Er träumt von einem großen Stadion, mit dem große Spiele in die Stadt gelockt werden sollen.

Große, teure Spiele – in Zeiten, in denen Berlin nicht einmal mehr ausreichend Geld für Kultur und Bildung hat. Ein großes, völlig überdimensioniertes Stadion – in Zeiten, in denen Geld für kleine Reparaturen in Turnhallen und Schultoiletten in Schulen fehlt.
Dabei liegt eine bessere Lösung längst auf dem Tisch: „RESTART JSP“, das nachhaltige Szenario der Bürgerinitiative Jahnsportpark. Das Zukunftsszenario setzt auf Erhalt, kluge Sanierung und Weiterentwicklung statt Abriss und Versiegelung.

Dabei geht es auch um die Sportwiese – jene etwa ein Hektar große, von altem Baumbestand umgebene Freifläche im nördlichen Teil des Parks. Hier kann jede und jeder Sport machen, in Gemeinschaft und auf Augenhöhe. Die Sportwiese braucht keine Plastikbahnen, keine Beton-Tribünen und keine VIP Parkplätze:

Tagsüber ist die Sportwiese ein Ort für Bewegung und Natur, nachts kühlt die offene Fläche den Kiez und wirkt sommerlicher Hitze entgegen. Auch die Sportwiese will die Senatsverwaltung „sanieren“ – und plant sie mit hohen Fangzäunen abzuriegeln und mit einem Kunstrasenplatz zu überbauen.

Wer der Zerstörungswut der Senatsverwaltung nicht weiter tatenlos zusehen will, kann was dagegen tun. Unterstütze die BI Jahnsportpark, mach mit – damit die Entwicklung des Jahn Sportparks in eine andere, nachhaltige und für die Anwohnerschaft positive Richtung geht.

Jetzt mitmachen

Beschämende Senats-Attacke gegen die „Sportwiese“

Beschämende Senats-Attacke gegen die „Sportwiese“

Der Berliner Senat hat im Januar 2026 beim Bund Fördermittel aus dem Programm Sanierung kommunaler Sportstätten (SKS) für eine Umwandlung der Sportwiese im Jahnsportpark in einen Kunstrasenplatz beantragt. Mit den Fördermitteln soll dieses Vorhaben aus dem 3. Bauabschnitt vorgezogen und bereits in den Jahren 2027 /2028 umgesetzt werden.

Dieser Antrag des Senates ist in vielerlei Hinsicht infam und unaufrichtig:

  1. Mit dem Titel „Sanierung und Erweiterung der Sportwiese“ im Jahnsportpark wird irreführend suggeriert, dass die bestehende Sportwiese saniert und vergrößert wird. In Wahrheit soll sie mit den Fördermitteln zu zwei Dritteln mit Kunststoffflächen versiegelt werden. Das ist weder eine Sanierung noch eine Erweiterung.
  2. Die Schaffung eines Kunststoffplatzes nur für Hockey und Fußball stellt auch in sportfunktionaler Hinsicht keine Erweiterung dar. Vielmehr erfolgt eine Beschränkung auf zwei vorgegebene Sportarten gegenüber einer heutigen Nutzung mit etwa zehnmal so vielen Sportarten. Die heutige Multicodierung und Offenheit für neue Sportarten gehen verloren.
  3. Die Finanzierung des Bundesprogramms erfolgt aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität. Die Versiegelung einer Naturwiese durch einen Kunstrasen mit dem entsprechenden Unterbau ist jedoch nicht klimaneutral, sondern klimaschädlich. Kunststoffplätze sind pflanzenfrei, erlauben kaum Rückverdunstung von Niederschlägen und heizen extrem stark auf (ca. 25 K mehr als die Sportwiese). Mitten in der anerkannten Hitzeinsel Cantian- und Gaudystraße widerspricht das allen Beschlüssen und Planungshinweisen zum Klimaschutz und konterkariert in gesund­heits­gefährdender Weise den überfälligen Hitzeplan der Senatsverwaltung.
  4. Mit dem SKS-Programm soll ausnahmslos die Sanierung bestehender Sportstätten gefördert werden. Neubauten sind nicht förderfähig. Bei diesem Vorhaben des Senats handelt es sich aber eindeutig um einen reinen Neubau und nicht um die Sanierung oder Wiederher­stellung einer bestehenden Sportfläche.
  5. Mit den SKS-Programmmitteln sollen Vorhaben gefördert werden, die „von besonderer Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ sind. Der Antrag des Senats zielt auf das Gegenteil. Die bestehende Sportwiese ist von herausragender Bedeutung für den informellen Breitensport. Auf der Wiese treiben Bürger:innen eine Vielzahl von Sportarten, individuell und in selbstorganisierten Gruppen. Auch Vereine weichen mitunter auf diese Fläche mit Trainingseinheiten aus.
    Der Senat plant gemäß des Gestaltungs- und Entwicklungsleitfadens für den Jahnsportpark die Schaffung eines weiteren wettkampftauglichen Kunstrasen-Spielfelds nur für Fußball und Hockey. Nur so weit die Fläche nicht von Vereinen genutzt wird, steht sie auch dem informellen Breitensport zur Verfügung.

Fazit: Mit Fördermitteln des Bundes beabsichtigt der Senat die ökologische und klimatische Qualität der Sportwiese und die vielfältige Nutzbarkeit für den allgemeinen selbstorganisierten Freizeitsport zu minimieren. Dagegen erheben wir entschieden Widerspruch und fordern die Politiker:innen im Abgeordnetenhaus und im Bundestag auf, diesem sportpolitisch völlig desorientierten Senat die rote Karte zu zeigen.

Wir halten über das konkrete Projekt hinaus auch den vorsätzlich irreführenden Sprachgebrauch für einen Skandal. Wer Sprache so missbraucht, untergräbt das Vertrauen in die Demokratie und darf sich über Politikverdruss nicht wundern.

Der Titel dieses Förderantrags stellt eine Respektlosigkeit gegenüber dem Souverän, den Abgeordneten des Deutschen Bundestags, und gegenüber der Öffentlichkeit dar.

Wir fordern die Senatsverwaltung auf, wieder zu einem sachlichen und transparenten Kommunikationsstil zurückzukehren.

Senatsverwaltung beerdigt Inlusionspark?

Senatsverwaltung beerdigt Inlusionspark?

Jetzt ist es amtlich: Die Umgestaltung des Jahn-Sportparks zum Inklusionspark ist krachend gescheitert. Die Gesamtausgaben für den dritten, den eigentlich für die Inklusion relevanten Bauabschnitt wurden mittlerweile vom Senat weitgehend gekürzt. Dadurch wird die geplante Ertüchtigung des Geländes zum Inklusionssportpark hinfällig.

Die Kürzungen konterkarieren das ursprünglich behauptete Ziel des Projekts und werfen die Frage auf, welchen Stellenwert Inklusion tatsächlich hat. Jetzt wird offensichtlich, dass der Senat seine Priorität von Anfang an auf das Großprojekt Stadion gelegt hat. Das Feigenblatt der Inklusion ist gefallen. Die Entscheidung zeigt, dass Fußball und Veranstaltungen immer schon Vorrang genossen gegenüber einer ganzheitlich inklusionsorientierten Nutzung des Parks, der Erhaltung von Flora und Fauna und der Anerkennung der Bedürfnisse der Anwohner.

Daher fordert die Bürgerinitiative Jahnsportpark jetzt ein Umdenken und einen Neustart. Das seit über zehn Jahren extrem umstrittene Projekt muss jetzt endlich vom Kopf auf die Füsse gestellt werden. Schluss mit dem angeblichen „Leuchtturmprojekt“ einiger Sportfunktionäre! Schluss mit dem Stadion ohne Nutzer! Her mit einem Inklusionssportpark, der seinen Namen verdient: Inklusion, Sport, Park!

Was ist wichtiger: Inklusions-, Schul-, Vereins- und Breitensport oder ein Stadion als Großprojekt für den Spitzensport und Kommerz, mit unzumutbaren Konsequenzen für die Anwohner?

Wir fordern eine transparente Prüfung alternativer Konzepte. Unser Vorschlag und Alternativentwurf Restart steht exemplarisch zur Diskussion.

Denn genau jetzt, angesichts angespannter Haushaltslage, ist eine seriöse Kosten-Nutzen-Analyse gefragt, um plausibel zu machen, welche Kompromisse sinnvoll sind und wie die Interessen des Inklusions-, Schul-, Vereins- und Breitensports umgesetzt werden können, ohne weiter mit der Abrissbirne Kahlschlag entstehen zu lassen.

Stadion-Neubau im Jahnsportpark spaltet Berlin

Stadion-Neubau im Jahnsportpark spaltet Berlin

Während die grundlegende Versorgung mit städtischen Leistungen wie Bildung, Umwelt, Gesundheit, öffentlichem Verkehr und Kultur für alle Bürger Berlins durch den aktuellen Sparzwang gefährdet ist, soll dennoch inmitten dieser Krise ein neues Stadion gebaut werden, dessen explodierende Kosten den Haushalt noch weiter belasten werden und dessen Nutzen in keinem Verhältnis zu den Kosten steht.

Kunst und Kultur sind ein positiver Wirtschaftsfaktor für Berlin und gehören zu den wesentlichen Standortvorteilen und Nettoertragsbringern für den Haushalt. Auch der Tourismus, eine weitere wichtige Einkommensquelle Berlins, wird maßgeblich vom kulturellen Leben in der Hauptstadt angekurbelt. Das Umfeld von Kunst und Kultur floriert: Zulieferer, Handwerk, Materialien, Vermittlung und andere Dienstleistungen bringen Wertschöpfung, Arbeit und Steuereinnahmen.

Die Lebensqualität und Attraktivität von Berlin hängt auch an den letzten Freiräumen und intakten öffentlichen Plätzen: Die Sportwiese im Jahnsportpark ist ein solcher Ort, in dem Gemeinschaft und Miteinander unterschiedlichster Nutzergruppen des selbstorganisierten Freizeitsports seit Jahrzehnten prächtig gedeihen. Das nimmt Druck aus dem sozialen Umfeld und macht den Kiez freundlich, gesund und lebendig.

Im Vergleich dazu ist der Fußball für Berlin deutlich weniger bedeutend. Berlin war nie eine Fußballstadt und wird auch nicht durch viele Steuer-Millionen zu einer werden.

Vom Neubau des Stadions – angeblich unter der Prämisse der „Inklusion“ – profitiert nur der Spitzensport und seine Lobbyisten. Das Stadion schafft Funktionärslounges, Presselounges, High-Tech-Fernsehübertragungsräume und Kamerakrantauglichkeit: Alles rein kommerziell relevante Neuerungen auf Kosten der Steuerzahler, die letztlich nur der Kommerzialisierung des Fußballs und großen Events zugute kommen.

Es ist nicht mehr tragbar, dass kommerzielle Konzerne, getarnt als Verbände oder Vereine, sich weiterhin im großen Stil aus der Landeskasse bedienen, während es in Berlins Schulen hineinregnet, die S-Bahnen täglich stecken bleiben und jetzt sogar bei lebenswichtigen Einrichtungen wie Polizei und Feuerwehr gespart werden soll – von der Klimaanpassung mal ganz zu schweigen.

Jetzt ist Schluss mit der Prasserei – wenn Berlin sparen muss, dann sozialverträglich und fair.

Schieben wir den Lobbyisten einen Riegel vor – die Zeiten der hemmungslosen Selbstbedienung sind vorbei.

Heiligt der gute Zweck jeden Abriss?

Heiligt der gute Zweck jeden Abriss?

Alle wissen, dass Fliegen klimaschädlich ist. Und wer befürwortet schon die Rodung von Wäldern? Dass Beton einen bedenklich großen CO2-Fußabdruck hat, darf ebenso als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden. Selbst mit dem Begriff der grauen Energie wird weit über Baufachkreise hinaus routiniert umgegangen. Es ist kaum noch möglich, als Planer:in eine Veranstaltung zu besuchen, auf der es nicht um Ressourcenschonung, Low-Tech und Bauen im Bestand geht. Gut so! Auf dieser Flughöhe dürfen wir uns als Nachhaltigkeitsweltmeister:innen fühlen.

Gehen wir allerdings in den Landeanflug, dann erheben sich die Mühen der Ebene wie ein riesiges Gebirge vor uns. So saftig ist das Rindersteak, so günstig der Urlaubsflug, so bequem das Auto. Und die Stahlbetonwand ist wieder einmal billiger als jede andere Konstruktion. Unübersehbar ist, dass allerorten fleißig abgerissen wird. Entschuldigung, das heißt natürlich „rückgebaut“. Beim Bauen handelt es sich offenbar um einen vollkommen reversiblen Prozess.

Immer häufiger treffen diese Abrissentscheidungen Bauten, die noch nicht einmal ihre anzunehmende Lebensdauer von mindestens 60 bis 80 Jahren erreicht haben. Ein prominentes Beispiel ist der Palast der Republik in Berlin, der es auf eine Standzeit von knapp 40 Jahren brachte.

Ein ähnlicher Fall sorgt im Prenzlauer Berg für politische Verwerfungen auf Landesebene. Hier soll nach dem Willen der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, der seit der neuen Legislaturperiode ebenfalls SPD-geführten Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen (SenSBW) sowie weiter Teile der Berliner SPD das vor 35 Jahren zur 750-Jahr-Feier Berlins errichtete Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion abgerissen und an derselben Stelle durch einen Neubau gleicher Nutzung und gleicher Zuschauer:innenkapazität ersetzt werden. Man mag zugutehalten, dass vor rund zehn Jahren, als das Projekt seinen Anfang nahm, die Sensibilität für Klimaschutz, Ressourcenschonung und die dringende Notwendigkeit des Bauens im Bestand noch geringer war als heute. Immerhin durfte das Thema „Reduce, Reuse, Recycle“ des Deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale in Venedig 2012 als avantgardistisch durchgehen. Längst ist es diskursprägend geworden, doch seine statistische Relevanz im schwerfälligen Bauwesen ist immer noch erschütternd gering.

Im Jahr 2020 allerdings war mit einer Machbarkeitsstudie von 2014, die den Komplettabriss des Stadions samt Abtrag des Schuttwalls und Rodung von bis zu 50 Prozent des reichen Baumbestands vorsah, kein Tor mehr zu erzielen, sehr wohl aber ein massiver Bürger:innenprotest. Dieser fand Rückhalt in der Regierungskoalition und gab dem Vorhaben schnell einen anderen Verlauf, das Ergebnis ist jedoch noch offen. Aus dem bisherigen Geschehen können aber bereits einige Erkenntnisse gewonnen werden.

1. Projektziel

Anlass des Projektes ist der Wunsch einschlägiger Sportverbände und -vereine nach einem Inklusionssportpark mit Eignung für Großveranstaltungen des Inklusions- und Parasports. Dieses grundsätzlich sympathische Anliegen wurde gekoppelt mit Interessen des Fußball- und Leichtathletikleistungssports an einem mittelgroßen Stadion. Diese doppelte Zielsetzung wurde und wird nicht offen kommuniziert. Stets wird der Inklusionssport vorgeschoben. Doch zu Inklusion gehört weitaus mehr:

„Eine inklusive Stadt, also eine sichere, gesunde, zugängliche, bezahlbare, widerstandsfähige und nachhaltige Stadt, an der alle Menschen ohne Diskriminierung irgendwelcher Art teilhaben können, ist ein weltweit anerkanntes Ziel der Stadtentwicklung. Dennoch lässt sich für Deutschland feststellen, dass eine zunehmend differenzierte Gesellschaft dazu tendiert, sich in homogenen Gruppen aufzugliedern. Diese Entwicklung wird auch im Stadtraum ablesbar – durch segregierte Stadtteile und einer Zunahme exklusiver Orte.“ Aus: Andrea Benze, Ist die Stadt inklusiv?, marlowes.de, 23. März 2021

 

2. Die Standortwahl

Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ist mit fast 17 Hektar eine der größten, jedenfalls aber die am zentralsten gelegene Großsportstätte Berlins. Das hat Vor- und Nachteile. Die ÖPNV-Erschließung ist vielfältig, aber nicht ausreichend barrierefrei. Ein tragfähiges Verkehrskonzept für den Umgang mit dem motorisierten Individualverkehr fehlt, da seit über 20 Jahren auf die Durchsetzung des im Zuge des Baus der Max-Schmeling-Halle vereinbarten Konzeptes verzichtet wird. Das andernorts bewährte Mittel von Kombitickets fehlt hier aus nicht nachvollziehbaren Gründen. Die mindestens am Wochenende extrem hohe Nutzungsdichte des Mauerparks muss ebenso mitberücksichtigt werden wie legitime Interessen der Anwohner:innenschaft in einem hochverdichteten Wohngebiet. Dazu zählt die Sorge, künftig von der Nutzung der Sportanlagen ausgeschlossen zu werden. Dennoch: Ein Inklusionssportpark gehört ins Stadtzentrum und nicht ins Industriegebiet an der Autobahn. In die grundsätzlich nachvollziehbare Standortwahl wurde die Bürger:innenschaft der infrage kommenden Standorte nicht einbezogen. Die Beteiligung der Anwohnenden am Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark begann erst, als dieser Standort für das „Leuchtturmprojekt“ längst gesetzt war. Das Projekt wäre vermutlich besser vermittelbar gewesen, wenn früher Licht ins Dunkel gekommen wäre.

 

3. Öffentlichkeitsbeteiligung

Die Beteiligung der Öffentlichkeit erfolgte zunächst online im Februar 2020. Kommuniziert wurde diese Beteiligungsphase über die Verteiler der ansässigen Sportvereine. Offenbar wird Beteiligung hier und da als Holschuld der Bürger:innenschaft verstanden. Dank aufmerksamer Anwohnender konnte immerhin erreicht werden, dass wenigstens rund 50 Prozent der Beteiligten nicht den Sportvereinen zuzurechnen sind. Dass das Beteiligungsformat zum Inklusions-Sportpark selbst nicht inklusiv war, passt ins Bild.

 

4. Multiperspektivische Stadtplanung

„Eine inklusive Stadt aus der Perspektive einer einzelnen Teilgruppe zu denken, wird dem Konzept Inklusion in keiner Weise gerecht, es muss vielmehr darum gehen, Stadt aus der Vielheit, der Diversität zu entwickeln.“ Aus: Andrea Benze, Ist die Stadt inklusiv?, marlowes.de, 23. März2021

Ein Stadion mit 20.000 Plätzen, fast 12.000 m² Großsporthallen und mehr als 26.000 m² Außensportanlagen zuzüglich aller mehr oder weniger zugehörigen Lager-, Garderoben- und Büroflächen stellen ein beträchtliches Bedarfsprogramm dar, dessen Integration in einen städtischen Kontext selbstverständlich einen interdisziplinären Planungsprozess erfordert, um den vielen Aspekten eines solchen Eingriffs gerecht zu werden. Beim Jahn-Sportpark wurde jedoch kaum über die Seitenlinien der Kunststoff-Spielfelder hinaus geschaut. Die Federführung oblag der Sportverwaltung. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zog sich auf die Rolle der „Baudienststelle“ zurück und verkannte bis zum Rücktritt der Senatorin im August 2020 ihre zwingend erforderliche Aufgabenwahrnehmung in ihrem ureigensten Bereich, eben der Stadtentwicklung, die von der Bürgerinitiative Jahnsportpark beharrlich und letztlich erfolgreich eingefordert wurde. Nach wie vor sehr unbeteiligt verfolgt die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz das Projekt, obgleich es mehrere ihrer Themen stark berührt.

Es verwundert kaum, dass das auf 97 Mio. € veranschlagte Stadion im Rahmen einer Genehmigung nach § 34 genehmigt werden sollte. Ob sich ein Stadion „in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt“, ist eine Frage des Betrachtungsrahmens. Beschränkt man sich auf den Sportpark, so mag das gerade noch angehen. Weitet man den Blick über die Fangzäune hinaus, wird es schwierig. Vermutlich war sich der Senat der Unrechtmäßigkeit dieses Vorgehens durchaus bewusst, vertraute aber darauf, dass die einzige klageberechtigte Anliegerin, die Deutsche Wohnen, in Anbetracht der Mietpreis- und Enteignungsdebatte wegen des Stadions keinen weiteren Streit anzetteln würde. Immerhin wurde 2020 dann doch entschieden, den rechtssicheren Weg eines Bebauungsplanverfahrens zu beschreiten.

Die über viele Jahre ausschließlich sportfachliche Betrachtung des Vorhabens hat die unerfreuliche und auch höchst unproduktive Folge, dass Inklusion gegen alle anderen Aspekte ausgespielt wird. Es wäre gesellschaftlich aber fatal, wenn Klimaschutz und ernst gemeinte Inklusion nicht gleichzeitig zu realisieren wären. Oder Inklusion und Baukultur. Oder Inklusion und Artenschutz.

 

5. Planen vor Bauen

Im Herbst 2020 sollten die Rodungs- und Abrissarbeiten beginnen, im Sommer 2023 die Special Olympics World Games im neuen, inklusiven Jahn-Stadion stattfinden – ein völlig unrealistischer Zeitplan, denn im Frühjahr 2020 lag erst eine Machbarkeitsstudie vor. Das ist keine Planung, sondern deren Grundlage. Und natürlich müssen bei einem öffentlichen Bauvorhaben dieser Größe sowohl die Planungs- wie die Bauleistungen europaweit ausgeschrieben werden. Wollte der Sportstaatssekretär es nicht zur Kenntnis nehmen oder ließ ihn die „Baudienststelle“ in Unkenntnis, weil sie nicht gefragt wurde? Immerhin leuchtete einigen Abgeordneten, die teilweise in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss mit einem international unrühmlich bekannt gewordenen Berliner Großprojekt zu tun hatten, unmittelbar ein, dass sinnvollerweise erst geplant und dann gebaut wird. Die Special Olympics werden im kommenden Jahr also in Berlin, aber nicht im neuen Jahn-Stadion stattfinden.

 

6. Bestandserhalt

Wird ein abstrakt entwickeltes Wünsch-dir-was-Bedarfsprogramm an baulichem Bestand gemessen, gerät die Abrissbirne schnell in erregte Schwingungen. Wer Bauen im Bestand ernst nimmt – und das ist angesichts des verheerenden Beitrags des Bauwesens von 38 Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß, zum materiellen Ressourcenverbrauch und zum Müllaufkommen unabdingbar -, die:der muss die eigenen Planungen am Bestand ausrichten: Was kann saniert, um-, an- und weitergebaut werden? Welche Standards sind überhaupt erforderlich? „Wie kann man bestehenden gebauten Räumen zeitgemäße Programmierungen einschreiben? Wie können dabei immanente, bisher vielleicht kaum beachtete Qualitäten freigesetzt und für eine nachhaltige Gestaltung und Konzeption des Gebauten fruchtbar gemacht werden?“, so formuliert es Robert Kaltenbrunner in der Berliner Zeitung vom 8. Juni 2022.

Beim Jahn-Stadion geschah nichts dergleichen. Von Anfang war der Abriss gesetzt, der Form halber wurde sichtbar halbherzig eine (1) „Sanierungsvariante“ neben sechs (6) Neubauvarianten untersucht. Über Jahre hinweg wurde, aus Unkenntnis oder gezielt, Sanierung mit Umbau gleichgesetzt. Erst im Rahmen eines in Folge des Bürger:innenprotests und des daraus resultierenden Zerwürfnisses in der Regierungskoalition durchgeführten Werkstattverfahren wurde erst- und einmalig eine Umbauvariante seriös geprüft.

Den Abriss eines Fußball-Leichtathletikstadions mit 20.000 Plätzen zugunsten eines neuen Fußball-Leichtathletikstadions mit 20.000 Plätzen können wir uns nur noch finanziell leisten. Wir sind zu technischen Höchstleistungen in der Lage, nicht aber zu einem Umbau, der 200 rollstuhlgerecht zugängliche Plätze an verschiedenen Stellen der Ränge gewährleistet? Wir reden von Klimaneutralität in weniger als 30 Jahren, reißen aber ein 35 Jahre altes Tribünengebäude ab, weil es zu wenig Fläche für den VIP-Bereich bietet? Dieser ist nebenbei bemerkt mehr als doppelt so groß wie der immerhin inklusive Umkleidebereich.

„Wenn das Umbauen, Erhalten, Weiterbauen an sich schon eine ökologische Qualität ist, erhalten die architektonischen Techniken des Umbaus mit dem Bestand wie Collage, Kontrast, Anpassung eine auch in neu zu Bauendes ausstrahlende Fundierung. Das Entwerfen ist nun immer schon unter der Voraussetzung des Bestehenden zu verstehen, das den Rahmen setzt, aber die Unterordnung nicht einfordert, sondern die Lust weckt, sich durch das Bestehende herausfordern zu lassen und mit ihm in den Dialog zu treten.“ Aus: Christian Holl, Ziemlich bald Bestand, marlowes.de, 24. Mai 2022.

Es bleibt nun abzuwarten, wie die am Wettbewerb Teilnehmenden damit umgehen, dass das
Bedarfsprogramm sowohl die Bestandsbauten als auch die zur Verfügung stehende Fläche im Sportpark überfordert. Das hat das Werkstattverfahren anhand aller drei Studien deutlich gemacht, allein die Lehren wurden daraus nicht gezogen. Ein verhandeltes Bedarfsprogramm ist nicht in Stein gemeißelt, aber in Beton gegossen.

 

7. Baunebenrecht

Den Rahmen dieses Artikels würde es sprengen, die Rolle der Fußballverbände im lukrativen Geschäft von Abriss und Neubau zu betrachten. Das Jahn-Stadion ist ja alles andere als ein Ausnahmefall: Bökelberg, Wankdorf, Wembley, San Siro, … – die Liste ist lang und teilweise illuster. Obwohl noch immer elf gegen elf mit einem Ball auf zwei Tore spielen und die zulässige Platzgröße bemerkenswert variabel ist, stellen Verbände wie FIFA, UEFA und DFB immer neue Bestimmungen auf, deren Erfüllung Voraussetzung für die Teilnahme an ihren Wettbewerben ist. Damit schaffen sie reichlich unkontrolliert und intransparent verbindlich einzuhaltendes Baunebenrecht. Ständig steigende Anforderungen seitens der Sicherheits- und Rettungskräfte, von Presse und Fernsehen, aber auch von VIP-Flächen sind oftmals durch bestehende Stadien nicht oder nur mit großem Aufwand zu erfüllen. Während die Bundesregierung neuerdings wieder zum Energiesparen aufruft, fordert etwa der DFB zwingend eine Rasenheizung – schon ab der 3. Liga! Dieser Entwicklung muss dringend Einhalt geboten werden, im Interesse der Baukultur wie der Ressourcenschonung. Die Bau(stoff)industrie wird es verkraften; dem Fußball, diese Prognose sei hier gewagt, wird es nicht schaden.

 

Fazit

Es bleibt das Geheimnis der Berliner Politik und Verwaltung, weshalb diese recht banalen Erkenntnisse, geradezu Binsenwahrheiten, nicht von Anfang an beherzigt wurden. Warum es des ehrenamtlichen Engagements zahlreicher Bürger:innen bedurfte, um das Projekt vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Aktuell läuft die erste Phase eines interdisziplinären Realisierungswettbewerbs. Der Auslobungstext fordert nun doch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zur Auseinandersetzung mit dem Bestand auf: mit den Trümmerschuttwällen, dem Haupttribünengebäude und den Flutlichtmasten von 1987 sowie der sehr vielfältig für überwiegend informellen Sport genutzten Sportwiese. Damit wurden wesentliche Forderungen der Bürgerinitiative Jahnsportpark berücksichtigt.

Problematisch ist allerdings, dass das Bedarfsprogramm für den Sportpark – anders als jenes des Stadions – so spät vorgelegt wurde, dass es nicht im aktuellen Doppelhaushalt berücksichtigt werden konnte. Der Realisierungsauftrag beschränkt sich damit auf das Stadion – und einen „Gestaltungs- und Entwicklungsleitfaden für den Sportpark“. Wir erinnern uns: Anlass des Projekts war eigentlich ein inklusiver Sportpark, nicht ein neues Stadion. Es wird sich zeigen, inwieweit sich die am Wettbewerb teilnehmenden Arbeitsgemeinschaften mit der erforderlichen Sorgfalt und Hingabe mit der viel schwierigeren Aufgabe der Gestaltung des Sportparks beschäftigen werden – oder doch eher mit dem lukrativeren und im Zweifelsfall wettbewerbsentscheidenden Stadion.

Sollte die Beton- und Abrisswut obsiegen, steuern wir eher auf den Absturz statt auf eine angenehme Landung für alle Passagier:innen zu und können uns weiterhin nur in unseren Träumen Nachhaltigkeitsweltmeister*innen nennen.

Text und Fotos: Philipp Dittrich, Architekt und Mitglied der Bürgerinitiative Jahnsportpark

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